Der Tierkreiszeichen-Mann aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry

Astrologie in der frühen Neuzeit

Im Zeichen der islamischen Expansion verbreitete sich die arabische Astrologie ab dem 8. Jahrhundert über Spanien bis an die Grenzen des Frankenreichs. Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert wurden zahlreiche arabische und jüdische Werke ins Lateinische übersetzt. Morgenländische Magie, Kabbala und Astrologie gelangten so in den abendländischen Kulturkreis und nahmen dort alsbald eine eigenständige Entwicklung. Von der Kirche wurde die Sternenwahrsagung lange als „inhaltsleere Betrügerei” verboten. Erst christliche Theologen wie Thomas von Aquin (1225 – 1274) erarbeiteten die weltanschaulichen Grundlagen, um die Astrologie mit dem Christentum zu vereinbaren. Die europäischen Fürsten und Könige begannen, Hofastrologen zu beschäftigen. Einer der ersten großen Astrologen des Abendlandes war der italienische Mathematiker Guido Bonatti (1223 – 1300). Als Hofastrologe Friedrichs II. von Hohenstaufen und dem Grafen Montefeltro erlangte er mit seinen Prognosen Berühmtheit. Bis heute berufen sich Astrologen auf seine Werke. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entwickelte Johannes Campanus, Mathematiker von Papst Urban IV., ein neues Häusersystem, welches erstmals nicht die Ekliptik als Grundlage nahm, sondern den Himmelsraum des Geburtsortes.

Hochblüte in der Renaissance

In der Renaissance gelangte die Astrologie zur Hochblüte. Europa war erfasst vom wiedergeborenen Geist der Antike. In allen größeren Städten wurden Universitäten gegründet, um den neuen Wissensreichtum zu institutionalisieren. Hier durfte auch die Astrologie nicht fehlen, welche lange Zeit als Königswissenschaft galt. Auch die Kunst war geprägt von astrologischen Allegorien.

Die zwölf Tierkreiszeichen im Letzten Abendmahl von Leonardo Da Vinci

Die zwölf Tierkreiszeichen in Leonardo Da Vincis „Abendmahl“ (1494 – 1497)

So wurden die zwölf Jünger im berühmten Gemälde „Das Abendmahl“ von Leonardo Da Vinci (1452 – 1519) in Mimik, Gestik und Physiognomie den zwölf Tierkreiszeichen nachempfunden. Die Reihe beginnt rechts mit Simon, dem Zeloten, als direkten, kämpferischen Widder und endet links mit Bartholomäus als teilnahmslos beobachtenden Fisch. Die Jünger sind in vier Dreiergruppen angeordnet, welche den vier astrologischen Quadranten entsprechen. Jeder Jünger nimmt die für sein Tierkreiszeichen typische Haltung ein: Simon, der Widder, entschlossen und impulsiv, Thaddäus, der Stier, nackenbetont und an sich haltend, Matthäus, der Zwilling, jugendlich-glatt und wild gestikulierend, Philippus, der Krebs, inbrünstig in Gefühlen schwelgend, der ältere Jakobus, Löwe, in expressiver, strahlender Haltung, der ungläubige Thomas, die Jungfrau, warnend den Zeigefinder erhebend.

Zur linken von Jesus folgen die Herbstzeichen: Johannes, die Waage, unentschlossen abwägend, Judas, der Skorpion, verstohlen zurückweichend, den Geldbeutel fest an sich haltend, Petrus, der religiös-kämpferische Schütze, eilig und die Reihenfolge missachtend Johannes ins Ohr flüsternd. Schließlich folgen die drei Winterzeichen, der vierte Quadrant. Während alle anderen Apostel mit sich selbst und ihren Gedanken und Gefühlen beschäftigt sind, betrachten die Winterzeichen aus der Distanz das Geschehen: der alte, glatzköpfige Andreas, Steinbock, ängstlich abwehrend die Hände erhebend, der jüngere Jakobus, Wassermann, seine Freunde brüderlich umarmend und schließlich der stumm betrachtende Fisch Bartholomäus, der einzige Jünger, dessen Füße (traditionell den Fischen zugeordnet) zu sehen sind. Wie für seine Zeit üblich, hat auch Da Vinci in diesem berühmten Werk astrologisches Gedankengut eingearbeitet. Er wurde hierbei vermutlich von seinem engen Freund, dem Schweizer Astrologen Konrad Fürst beraten.

Albrecht Dürer "Sol Iustitiae"

Albrecht Dürer “Sol Iustitiae”

Auch in den Bildern von Albrecht Dürer (1471 – 1528) finden sich zahlreiche astrologische Allegorien. So ist sein Kupferstich „Melencholia I“ (1514) eine kunstvolle Ansammlung der Analogieketten des Planeten Saturn. Wohl am offensichtlichsten ist die astrologische Symbolik im Kupferstich „Sol Iustitiae“ (um 1500). Die personifizierte Sonne sitzt auf einem Löwen. In ihrer erhobenen Hand hält sie ein Schwert, in ihrer gesenkten Hand eine Waage. Dies symbolisiert die astrologischen Würden der Sonne. Nach traditioneller Lehre beherrscht die Sonne den Löwen, ist im Widder (Symbol Schwert) erhöht und in der Waage im Fall. In den Gemälden und Bildern aus der Renaissance-Zeit finden sich unzählige derartige Allegorien. Zahlreiche weitere Beispiele finden sich im Buch „Astrologie in der Kunst“ von Klemens Ludwig.

Weltuntergangsprophezeiungen

Auch wenn das Ansehen der Astrologie in der Renaissance auf dem Höhepunkt war, gab es bereits zu jener Zeit Kritik. Einer der einflussreichsten Gegner der Astrologie war der italienische Humanist Pico della Mirandola (1463 – 1494). In seinem posthum veröffentlichten Werk „Disputationes adversus astrologiam divinatricem“ wandte er sich scharf gegen die Astrologie. Er schlug vor, die astrologischen Thesen statistischen Tests zu unterziehen, um ihre Nutzlosigkeit zu beweisen. Mirandola kritisierte vor allem die deterministische Astrologie, welche das Schicksal des Menschen als unabänderliche Konsequenz der Sternenbahnen auslegte. Und in der Tat brachte die Renaissance nicht nur eine gewaltige geistige Expansion, sondern gleichzeitig ein letztes großes Aufbäumen des Aberglaubens. Zahlreiche Weltuntergangsprophezeiungen wurden aus den Sternen gelesen, um das Volk in Angst und Schrecken zu versetzen. Vor allem Planetenballungen in einem Zeichen gaben Anlass zu düsteren Prognosen.

So wurde das Aufkommen der Syphilis mit der vorangegangenen großen Konjunktion der Planeten Jupiter und Saturn im Zeichen des Skorpions erklärt. Das Zusammentreffen dieser zwei langsamsten Planeten galt als Königskonstellation und wurde vor allem für Mundanprognosen als äußerst bedeutsam erachtet. Bei der Konstellation vom Oktober 1484 befanden sich zudem auch alle anderen Himmelskörper bis auf Mars im Skorpion, dem Zeichen der Geschlechtsorgane. Eine Geschlechtsseuche schien den Astrologen der Renaissance nur logische Konsequenz dieser Konstellation zu sein. Der bekannte Astrologe Johannes Lichtenberger (1426 – 1503) hingegen prognostizierte aus der Konjunktion das Kommen eines Propheten, der die Kirche revolutionieren werde. Als einige Jahrzehnte später Martin Luther die protestantische Reformation anführte, wurde dies als Beweis für die Richtigkeit von Lichtenbergers Weissagungen angesehen. Schließlich war Luther 1483, nur ein Jahr vor der Konstellation, im Zeichen des Skorpions geboren worden.

Astrologische Flugschrift zur "Grossen Wässerung" 1523 von Leonhard Reymann

Astrologische Flugschrift von Leonhard Reymann (1523): Die Konjunktion aller Planeten im Zeichen der Fische wird eine große Sintflut bringen

Besonders spektakulär war die Prophezeiung einer großen Sintflut für das Jahr 1524. Der bekannte Astrologe Johannes Stöffler (1452 – 1531) hatte diese bereits im Jahr 1499 vorausgesagt. Seine Schüler, insbesondere der erste Astrologe Brandenburgs, Johannes Carion (1499 – 1537), hielten bis zum verheißenen Jahr an dieser Prophezeiung fest und veröffentlichten zahlreiche reißerische Schriften zu diesem Thema. Ausgangspunkt der Sintfluterwartungen war eine Konjunktion sämtlicher Planeten im Zeichen der Fische im Februar 1524. Carion schilderte in seiner Schrift „Prognostication und erklerung der großen wesserung“ (1521) ausführlich die kommenden Auswirkungen dieser Konstellation. Er sagte zerstörerische Unwetter und Überschwemmungen voraus, welche Missernten, Hungersnöte und Seuchen nach sich ziehen würden. Des Weiteren prophezeite er Zwietracht und Uneinigkeit zwischen den geistlichen und weltlichen Führern, welche 1525 „grosses blutvergießen des Christlichen volckes“ und „Niderdrückung grosser Häupter“ bringen würden.

Die bekannteste Darstellung dieser Sintflutprophezeiung ist die 1523 veröffentlichte Flugschrift „Practica vber die grossen und manigfeltigen Coniunction der Planeten, die im jar 1524 erscheinen vn vngezweiffelt vil wunderparlicher ding geperen werden“ von Leonhard Reymann. Im oberen Teil des Titelbildes sieht man einen großen Fisch, in dessen Körper sich ein Toter sowie Sonne, Mond und die fünf Planeten befinden. Aus seinem Bauch ergießt sich die große Flut, welche alles hinfortschwemmt. Im unteren Teil des Bildes stehen sich König, Papst und Geistlichkeit auf der rechten Seite und die von Saturn angeführten Bauern auf der linken Seite feindlich gegenüber.

Je näher der 19. Februar 1524 rückte, desto mehr gerieten die Menschen in Panik. Die Reichen kauften sich Schiffe, um die Sintflut zu überleben. Die Armen beteten zu Gott um Gnade. Doch die große Wässerung blieb aus. Die Sintflut kam nicht. Dies tat dem Ruhm der Astrologen jedoch keinen Abbruch. Reymann veröffentlichte 1526 einfach eine weitere Schrift über die Planetenballung in den Fischen. Die Sintflut war vom Titelbild verschwunden. Stattdessen waren nur noch die feindlich einander gegenüberstehenden Bauern und Feudalherren abgebildet. Obwohl die große Wässerung ausgeblieben war, lobte Reymann die Treffsicherheit der Astrologie. Auf das Jahr 1524 zurückblickend sprach er von einer Konstellation, deren Folgen durch Weisheit nicht verhütet werden konnten und konzentrierte sich auf die Darstellung des Deutschen Bauernkrieges von 1525. Zwar war dieser zum Zeitpunkt der Prognosen schon deutlich in der Luft gelegen. Doch im Nachhinein konnte man die Diagnose zur Prognose machen und so als Erfolg für die Astrologie ausgeben.

Cardanus und Nostradamus

Derartige Kunstgriffe waren in der Renaissance-Astrologie üblich. So war auch die scharfe Kritik von Pico della Mirandola nicht verwunderlich. Dennoch erfreute sich die Astrologie noch für viele Jahrzehnte großer Anerkennung. Herausragende Forscher beschäftigten sich mit ihr, unter anderem Paracelsus (1493 – 1541) oder der italienische Arzt und Mathematiker Hieronymus Cardanus (1501 – 1576), dessen „Metoposcopia“ wir bereits im zweiten Prognostik-Band kennengelernt haben. Cardanus war ein Pionier der Wahrscheinlichkeitsrechnung und hat sich mit diesem Wissen durch Glücksspiel sein Studium finanziert. Zudem war er der Erste, der mit negativen und komplexen Zahlen gerechnet und eine Methode zur Lösung von Gleichungen dritten und vierten Grades entwickelt hat. Cardanus war als größter Arzt seiner Zeit berühmt und heilte zahlreiche Könige und Fürsten. Zudem galt er als hervorragender Physiognom und Astrologe. Cardanus nahm es mit seinen astrologischen Prognosen sehr genau. So sagte er König Eduard VI. von England voraus, dass er mit 55 Jahren, 3 Monaten und 17 Tagen tödlich erkranken werde. Tatsächlich verstarb Eduard bereits im Alter von 16 Jahren. Cardanus schreckte auch nicht davor zurück, seinen eigenen Tod auf die Stunde genau vorherzusagen. Als diese Stunde schließlich gekommen, er jedoch immer noch bei bester Gesundheit war, nahm er sich im Alter von 75 Jahren das Leben. So erfüllte sich wenigstens diese Prophezeiung.

Ein weiterer großer Astrologe des 16. Jahrhunderts war Nostradamus (1503 – 1566). Seine Zenturien wurden bereits im ersten Prognostik-Band vorgestellt und faszinieren mit ihrer kryptischen Sprache bis heute die Menschen. Dabei rätseln Experten seit Jahrhunderten, ob hinter den symbolisch-chiffrierten Versen ein elaborierter Code steckt oder es sich einfach um Projektionsflächen handelt, die immer auf irgendwelche Ereignisse passen. Sein Medium waren jährliche Almanache, welche jeweils Vorhersagen für das kommende Jahr enthielten. Diese Werke waren damals sehr populär und brachten ihren Verfassern häufig weit mehr Einnahmen als die astrologischen Beratungen. Nimmt man den Verkauf von astrologischen Jahresalmanachen im deutschen Sprachraum als Indikator, so erreichte die Astrologie den Höhepunkt ihrer Popularität 1580 – 1610. Danach setzte ein langsamer Niedergang ein.

Die Astrologie von Johannes Kepler

Im Lauf des 17. Jahrhunderts geriet die Astrologie schließlich immer mehr in das Eck des Aberglaubens. Die Erfindung des Fernrohrs und die zunehmende Akzeptanz des Kopernikanischen Weltbildes entmystifizierten den Sternenhimmel und mit diesem die Astrologie. Die letzten großen Astronomen, welche sich ebenso als Astrologen hervortaten, waren der Däne Tycho Brahe (1546 – 1601) und sein Schüler Johannes Kepler (1571 – 1630). Beide lehnten weite Teile der damaligen Astrologie bereits als unwissenschaftlich ab, glaubten aber dennoch an die Macht der Sterne. Insbesondere Kepler versuchte, die Sternendeutung von ihrem unseriösen, marktschreierischen Ballast zu befreien und ihr ein neues wissenschaftliches Fundament zu geben, welches den Ansprüchen seiner Zeit Genüge tun sollte. 1602 erschien seine kurze Schrift über die gesicherten Grundlagen der Astrologie, „De Fvndamentis Astrologiae Certioribvs“. Darin legte er seine Astrologietheorie dar und verwarf zahlreiche etablierte Methoden als Unsinn, beispielsweise die klassischen Planetenwürden oder die Arabischen Punkte. Dafür führte er neue Aspekte in die Astrologie ein: das Quintil, das Biquintil und das Halbsextil. Zudem machte er seine Vorhersagen für das Jahr 1602. Ein großer Teil bestand aus Wetterprognosen:

„Das Stationärwerden des Merkur nun ruft zum größten Teil Winde hervor, die verhältnismäßig reich an Dunst sind, und örtlich auch Schnee- oder Regenfälle. Solche haben wir zu erwarten um den 17. Januar, den 20. April, den 12. Mai, den 15. August, den 6. September und den 9. und 31. Dezember. (…) 4. Januar: Sonne Konjunktion Merkur – Schneefälle oder Winde, wie die allgemeine Disposition es zulassen wird. Um den 10./11. sechs äußerst starke Aspekte – durchweg milde, mit Schnee vermischte Regenfälle. (…) Vom April erwarte ich, dass er anfangs seiner Natur gemäß Wärme bringt durch das Biquintil von Mars und Sonne, dass es regnerisch ist wenigstens zwei Tage vor und nach Vollmond. Es sind nämlich alle Planeten an der Konstellation beteiligt.“

Horoskop von Johannes Kepler für Albrecht Wallenstein

Horoskop von Johannes Kepler erstellt für Albrecht von Wallenstein, 1608

Die letzten Seiten dieser Abhandlung widmete Kepler den Ereignisprognosen. Er gab die Tage des Jahres an, welche für ihn erhöhte Gefahr von Krankheiten und Pest, sowie von Kriegshandlungen bargen. Vergleicht man seine Vorhersagen mit den Almanachen, welche noch hundert Jahre zuvor üblich gewesen waren, so fällt Keplers starke Zurückhaltung in Bezug auf konkrete, exakte Prognosen auf. Die Konstellationen zwingen nicht, sie machen lediglich geneigt.

Kepler machte nicht nur astrologische Kalender. Er erstellte auch Horoskope und war kaiserlicher Mathematiker und Astrologe am Hof von Kaiser Rudolf II. in Prag. Diesem widmete er seine Rudolfinischen Tafeln, die bei weitem exaktesten Planetenbahnberechnungen seiner Zeit. Im Jahr 1608 verfasste er sein wohl bekanntestes Horoskop für einen anonymen Auftraggeber, welcher Jahre später zum mächtigsten Heerführer des Dreißigjährigen Kriegs aufsteigen sollte, Albrecht von Wallenstein. Wallenstein war von der Qualität des Horoskops derart beeindruckt, dass es sein Leben prägte. Seine Biographie weist erstaunliche Parallelen zu den Prognosen Keplers auf.

Keplers Hauptwerk „Harmonice Mundi“ (1619) war schließlich der Versuch, das naturwissenschaftliche Wissen seiner Zeit, Zahlenmystik und Neuplatonismus zu einem allumfassenden Weltmodell zu vereinigen. Hier finden sich musikalische Harmonien, geometrische Symmetrien, Zahlenproportionen oder seine Planetengesetze ebenso wie menschliche Affekte, Seelenvermögen, Gesellschaftssysteme, Theologie, Schutzgeister oder Astrologie. Alles ist mit allem harmonisch verbunden. Über und in allen Dingen waltet der göttliche Wille und vereinigt diese in einer naturwissenschaftlich erfahrbaren Weltharmonik.

Das Ende der Astrologie als anerkannte Wissenschaft

Die Zeitgenossen Keplers standen seinen Lehren jedoch bereits skeptisch gegenüber. Zwar war er aufgrund seiner drei Planetengesetze als Naturwissenschaftler renommiert, doch wurde seine Weltharmonik von Forschern wie Galileo Galilei (1564-1642) als mystisch-magische Spekulation abgetan. Die Zeiten einer theologisch-spirituellen Wissenschaft waren vorbei. Rationalismus und Empirismus begannen ihren Siegeszug. René Descartes (1596 – 1650) veröffentlichte alsbald seine ersten Werke und lehrte die Menschen das methodische Zweifeln. Nicht der Glaube, sondern der Beweis sollte fortan die Quelle menschlicher Erkenntnis sein. Als 1648 der Dreißigjährige Krieg zu Ende ging, brach auch die Abenddämmerung der Astrologie als prognostische Leitdisziplin herein. Dabei lag der Grund weniger in der aufkommenden Dominanz eines „mechanistisch-reduktionist­ischen Materialismus“, wie bis heute gerne von Astrologiefreunden behauptet wird. Vielmehr waren die Astrologen selbst mit ihren zahlreichen vollmundigen Fehlprognosen dafür verantwortlich, wie der bekannte Astrologieexperte Nick Campion (*1953) feststellt. Gerade im Vergleich zu den zunehmend exakten Prognosen der aufkommenden Naturwissenschaften wurde die Astrologie in der Öffentlichkeit immer weniger ernst genommen.

Eine wesentliche Rolle dabei spielte die Sonnenfinsternis des Jahres 1654, wie der Astronom und Kalenderexperte Klaus-Dieter Herbst (*1961) herausgefunden hat. Denn die Astrologen in Mitteleuropa waren sich uneins, ob diese total oder nur partial sein würde. Ein öffentlicher Streit entbrannte, welcher den Ruf der Astrologie endgültig ruinierte. Wenn die Astrologen nicht einmal wussten, welcher Art eine Finsternis sein wird, wie sollten sie dann in der Lage sein, ihre detaillierten Prognosen über kommende Kriege, Missernten oder Naturkatastrophen zu erstellen? 1666 wurde die Astrologie schließlich in Frankreich von den Universitäten verbannt und kurz darauf auch im restlichen Europa. Dies war das Ende der Astrologie als anerkannte Wissenschaft.

Lediglich in England, wo die Finsternis von 1654 nicht sichtbar war und es deshalb auch keine öffentlichen Diskussionen diesbezüglich gegeben hatte, erlebte die Astrologie noch eine letzte Blüte mit einem letzten großen Astrologen. William Lilly (1602 – 1681) war vor allem als Meister der Stundenastrologie bekannt, einer Technik, bei der das Horoskop nicht auf die Geburt des Fragenden erstellt wird, sondern auf den Zeitpunkt der Fragestellung. Lilly beriet zahlreiche Herrscher und Politiker in England und ganz Europa. Sein Lehrwerk „Christian Astrology“ (1647) zählt bis heute zu den großen Klassikern der Astrologie. Seine jährlichen Almanache mit Prognosen für das kommende Jahr waren Bestseller und enthielten zahlreiche legendäre Treffer. In den 1660er Jahren begann auch Lillys Ruhm zu schwinden. 1666 wurde er angeklagt, das große Feuer von London angestiftet zu haben. Eines seiner Bücher aus dem Jahr 1652 hatte eine Prognose über das brennende London enthalten. So vermutete man, Lilly habe das Feuer selbst legen lassen, um seinen Ruhm als vortrefflicher Wahrsager aufzufrischen. Er wurde schließlich freigesprochen und zog sich aus dem öffentlichen Leben weitgehend zurück.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts versank die Astrologie in der Bedeutungslosigkeit. Der Geist der Aufklärung hatte Europa ergriffen und wollte die Menschen von den Fesseln des Glaubens, der Tradition und der Obrigkeitshörigkeit befreien. Vernunft und Objektivität sollten fortan Maxime des Denkens sein. Wissenschaft musste nun ihre Thesen beweisen und allgemein überprüfbar sein. Derartigen Kriterien konnte die Astrologie nicht gerecht werden. So landete sie schließlich im Kuriositätenkabinett des Aberglaubens und versumpfte als triviale Jahrmarktastrologie im Volksglauben. Lediglich in einigen Geheimbünden wurden die astrologischen Lehren weiterhin gepflegt bis sie schließlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt wurden.

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Niederwieser, Christof (2020) PROGNOSTIK 03: Trends & Zyklen der Zeit, Rottweil: Zukunftsverlag, S. 119ff