Astrologie in Babylon

Die Geschichte der Astrologie in der Antike

Seit Urzeiten blickt der Mensch in den Himmel. Wenn das tägliche Treiben langsam in der Abenddämmerung zur Ruhe kommt, die Sonne am Horizont verschwindet, dann erscheint am Firmament die ewige Ordnung der Gestirne. Während der Alltag voller Unwegsamkeiten ist, voller Überraschungen, Gefahren und Unbekannten, bietet der Nachthimmel Stabilität und Orientierung. Scheinbar unveränderlich sind die Sterne am Himmel arrangiert und vermitteln das Bild einer ewigen kosmischen Ordnung. Sie bieten dem Menschen unverrückbare Ankerpunkte in den Wogen von Raum und Zeit.

Die ersten Mondkalender der Jäger und Sammler, die ersten Sonnenkalender der neolithischen Bauern, die monumentalen Kalenderbauten der frühen Hochkulturen, sie alle basieren auf astronomischen Abläufen. Sie geben dem Menschen Orientierung über Zeitpunkte und Zeiträume: Wann ist die richtige Zeit für die Aussaat und für die Ernte? Wann werden die Tage wieder länger? Wann kommt die Ebbe, wann die Flut? Existentielle Fragen wie diese können mit den Kalendern beantwortet werden. Und wenn schon der Lauf von Sonne und Mond so offensichtlich Auskunft geben kann über derart wichtige Fragen, warum dann nicht auch der Lauf der anderen Wandelsterne, der Planeten am Nachthimmel? So entstand spätestens im Laufe des 3. Jahrtausends v. Chr. in Mesopotamien die Astrologie.

Die Ursprünge in Mesopotamien

Wie die archaischen Kalender entwickelte sich auch die Astrologie aus der Zeichendeutung heraus. Sie liegt direkt an der Nahtstelle zwischen Zeichen und Zeit. Denn einerseits sind die Bahnen der Planeten Signaturen am Himmel, andererseits folgen sie festen zeitlichen Periodizitäten. Sonne und Mond, welche wir bereits ausführlich in den vergangenen Kapiteln behandelt haben, zählen auch in der Astrologie zu den Hauptfaktoren. Auch die Venus, nach Sonne und Mond der dritthellste Himmelskörper, hatte in den Deutungen bereits früh einen hohen Stellenwert. Die Maya sahen in ihr die gefiederte Schlange Kukulcan, eine ihrer höchsten Gottheiten. Sie widmeten ihr ausgiebige Beobachtungen und ihre exaktesten Berechnungen. In Mesopotamien war die Venus ebenfalls der erste Planet, welchem große Bedeutung zukam. Auch sie wurde ursprünglich vor allem als Zeichen gedeutet:

„Wenn Venus beim Aufgang in einer Scheibe steht: Der König wird seine Untertanen in einem Kampf zur Rechenschaft ziehen. Wenn Venus neben der Sonnenscheibe steht, während diese aufgeht: Das Land wird revoltieren. Die Hungersnot wird streng sein. Des Königs Untertanen werden ihn in einem Kampf töten. Wenn die Sonnenscheibe beim Aufgang neben dem Mond steht und Venus vor diesen sichtbar ist: Eine wohlbekannte, wichtige Persönlichkeit wird gegen den Herrn rebellieren.“

Derartige Himmels-Omina finden sich in Mesopotamien etwa ab Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. Um 2000 v. Chr. prägten im Zwischenstromland bereits zahlreiche Steintürme mit einer Höhe bis zu hundert Metern die Stadtbilder. Diese Türme dienten vor allem der Beobachtung des Himmels. Man begann, die Bahn der Venus, ihre Deklinationswerte, ihr Verschwinden und ihr Erscheinen vor und nach den Sonnenkonjunktionen aufzuzeichnen. Auch die Fixsternpositionen wurden notiert. Im weiteren Verlauf der Jahrhunderte kamen auch die anderen Planeten dazu. Doch lange Zeit war die Wahrsagung aus den Sternen mehr Deutung von Himmelszeichen als Astrologie im heutigen Sinne.

Erst im 8. Jahrhundert v. Chr. wurde aus der Himmelbeobachtung langsam die Astronomie. Aus den jahrhundertelangen Beobachtungsdaten entwickelten sich Berechnungstafeln für die künftigen Positionen von Sonne und Mond. Mit Hilfe der Sarosperioden konnte man bereits damals Sonnenfinsternisse vorhersagen. Später wurden auch zunehmend die Bahnen der fünf Planeten in die Berechnungen mit einbezogen. Zu diesem Zweck erfanden die Babylonier den Tierkreis mit seinen 360 Graden als Koordinatensystem. Etwa um 600 v. Chr. teilten sie diesen in zwölf gleich große Abschnitte, in die zwölf Tierkreiszeichen. Damit waren die wichtigsten technischen Grundlagen der Astrologie gelegt.

Beginn der Geburtshoroskopie in Griechenland

Bis zu dieser Zeit war die Himmelsschau ausschließlich Königs- und Mundanwahrsagung. Aus den Zeichen des Himmels wurden die Geschicke von Ländern und Herrschern gelesen. Individuen wurden nicht berücksichtigt. Erst Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. begann man, Horoskope für den Zeitpunkt der Geburt von Einzelpersonen zu berechnen. Das älteste bekannte Geburtshoroskop wurde auf den 29. April 410 v. Chr. erstellt. Es enthält die Tierkreispositionen  von Sonne, Mond und den fünf Planeten. Der Aszendent hingegen, heute eines der zentralen Deutungselemente, war den Babyloniern noch unbekannt. Dieser wurde erst im Lauf des vierten vorchristlichen Jahrhunderts von den Griechen in die Astrologie eingeführt. Die Griechen übernahmen die Astrologie von den Babyloniern, vor allem im Rahmen des Persienfeldzugs von Alexander dem Großen (356 – 323 v. Chr.). Nachdem chaldäische Astrologen Alexander vorhergesagt hatten, dass er im Falle eines Einzugs in Babylon dort sterben würde und sich diese Prophezeiung erfüllte, begann eine rasche Ausbreitung der Sternenkunde in der Alten Welt. Chaldäische Astrologen wie der Baal-Priester Berossos gründeten Astrologieschulen in ganz Griechenland.

Die Griechen verliehen der Astrologie ihre heutige Form. Sie legten erstmals großes Gewicht auf den Aufgangspunkt des Tierkreises im Osten, den Aszendenten. Bei ihnen erlebte auch die Individualhoroskopie ihre erste Blüte. Dies hängt sicherlich mit dem hohen Stellenwert des Einzelnen in der hellenistischen Demokratie zusammen. Entgegen der Behauptung, dass Astrologie bereits über 10.000 Jahre oder gar über 30.000 Jahre alt wäre, ist das, was man heute Astrologie nennt, also erst etwas mehr als 2.000 Jahre alt.

Astrologie im Alten Rom

Von Griechenland kam die Astrologie nach Rom. Cicero (106 – 43 v. Chr.) widmete ihr so manchen Seitenhieb in seiner Schrift „Von der Weissagung“. Er hielt die Sternenkunde schon damals, im letzten vorchristlichen Jahrhundert, für Humbug. Im fiktiven Dialog mit seinem Bruder Quintus wird bereits ein Großteil der Argumente für und wider die Astrologie ausgetauscht, welche bis zum heutigen Tag die Diskussion prägen. So führt er gegen die Astrologie zu Felde, dass Zwillinge keineswegs dasselbe Schicksal hätten, obwohl sie zur selben Zeit geboren werden. Oder er kritisiert, dass die Planeten viel zu weit von der Erde entfernt wären, als dass sie eine Wirkung auf die Menschen ausüben könnten.

„Denn wer sieht nicht, dass die Kinder die Gestalt und die Sitten und die meisten auch die Stellungen und Bewegungen der Eltern nachbilden? Dies würde nicht eintreffen, wenn nicht die Kraft und die Natur der Zeugenden, sondern die Temperatur des Mondes und die Beschaffenheit des Himmels es hervorbrächte. Wie? Haben nicht Menschen, die in ein und demselben Augenblick geboren sind, verschiedene Naturen, Lebensweisen und Schicksale? Beweist das nicht hinlänglich, dass die Geburtszeit auf das Lebensgeschick durchaus keinen Einfluss hat?“ (Cicero 44 v.Chr. “Von der Weissagung”)

Die Astrologie war also, wie im Übrigen auch die anderen Arten der Wahrsagung, bereits damals umstritten. Man hat früher keineswegs den magischen Lehren unkritischeren Glauben geschenkt als heute. Vielmehr wurde die Astrologie im Römischen Reich immer wieder gesetzlich verboten, beispielsweise 139 v. Chr. mit der Verbannung aller griechischen Astrologen aus Italien oder unter Diokletian 294 n. Chr. und Velentinian 370 n. Chr. Bei letzteren beiden Edikten wurde die Astrologie sogar als „verdammenswert“ bezeichnet und jedem, der bei „diesem verbotenen Irrtum ergriffen wird“ die Todesstrafe angedroht, sowohl dem Astrologen, als auch dessen Kunden. In anderen Perioden hingegen nutzten die Römischen Kaiser Astrologie als exklusives Herrschaftswissen, beispielsweise unter Augustus (63 v. Chr. – 14 n. Chr.) oder Hadrian (76 – 138 n. Chr.), wobei letzterer sogar selbst Astrologe war. In diesen Phasen erhoffte man sich von den Astrologieverboten einen Wissensvorsprung und stellten die Ausübung deshalb für Privatpersonen unter Strafe, besonders wenn sich diese erdreisteten, Prognosen über die Geschicke des Kaisers oder des Staates zu machen. Im inneren Führungszirkel hingegen nutzte man die Astrologie intensiv und richtete alle wichtigen Entscheidungen nach den Gestirnen aus. Das öffentliche Ansehen der Astrologie war also bereits im Römischen Reich großen Wechseln unterworfen und pendelte zwischen angesehener Zukunftswissenschaft und verpöntem Aberglauben.

Die ersten astrologischen Lehrbücher

Das erste Lehrbuch für Astrologie gab es erst um die Zeitenwende. Die „Astronomica“ vom römischen Autoren Marcus Manilius stellt in fünf Büchern die Grundlagen der Astrologie dar. Das im Versmaß gehaltene Werk präsentiert neben Tierkreiszeichen, Planeten und Aszendenten auch die Häuser, sowie die Hauptaspekte, die bedeutsamen Winkelbeziehungen zwischen den Planeten, den Gedrittschein (120°), den Geviertschein (90°), den Sextilschein (60°) und den Gegenschein (180°). Ein weiteres einflussreiches Werk verfasste in der zweiten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts Dorotheus von Sidon. Sein „Pentateuch“ ist allerdings nur in Fragmenten, teilweise in arabischen Übersetzungen aus dem 8. Jahrhundert, überliefert.

Das wichtigste Astrologiebuch der Antike erschien Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. Der Tetrabiblos von Claudius Ptolemäus (etwa 100 – 178 n. Chr.) gilt bis heute als Standardwerk der Astrologie. Er ist ein systematisch aufgebautes Lehrbuch in vier Büchern und enthält alles, was die Sternenschau seiner Zeit ausmachte. Neben einer detaillierten Darstellung der mathematischen und astronomischen Grundlagen bietet er umfassende astrologische Deutungsregeln zu Planeten, Zeichen, Häusern und Fixsternen. Dabei liegt der Verdienst von Ptolemäus nicht in der Kreation eines eigenständigen Deutungssystems, sondern vor allem in der systematischen Zusammenfassung des damaligen astrologischen Wissens. Sein geozentrisches Weltbild und seine Epizykeltheorie prägten die Astronomie des Mittelalters bis zur kopernikanischen Revolution.

 

Die Originalversion dieses Artikels inklusive aller Quellen findest Du in folgendem Buch:
Niederwieser, Christof (2020) PROGNOSTIK 03: Trends & Zyklen der Zeit, Rottweil: Zukunftsverlag, S. 110ff

Einleitung aus dem Buch
Niederwieser, Christof (2017) Das Gruppenhoroskop: Schlüssel zur Kollektiv-Astrologie, Rottweil: Zukunftsverlag, S. 20